Montag, eine Woche bis zu den Sommerferien. Mein Fahrrad und ich stehen am Hauptbahnhof Essen. Handyakku: 88 Prozent. Beine: kraftvoll. Hoffnung: groß. Denn heute setze ich fest auf dieses Rad und reise so, wie es das Klima gerne hätte: ohne Motor, ohne Abgase, nur mit Muskelkraft und Rückenwind.
Nachhaltigkeitstouren durch die Stadt
Ich, 44, begeisterte Wanderin, mit dem Rad sonst nur auf dem Weg zur Arbeit unterwegs. Jetzt aber: Helm auf, in die Pedale treten.
Essen hat einen bemerkenswerten Weg hinter sich: von der Industriestadt zum grünen Großstadtvorbild. Die Vereinten Nationen sehen Städte weltweit als Schlüssel für eine nachhaltige Zukunft. Und Essen beweist, dass das keine leere Formel ist. 2017 wurde die Stadt als Grüne Hauptstadt Europas ausgezeichnet. Was das konkret im Alltag bedeutet, zeigen die beiden Nachhaltigkeits-Radtouren der Stadt Essen.
Ich entscheide mich für die Route Nord. Diese führt auf rund 30 Kilometern und über 16 Stationen vom Hauptbahnhof über den Krupp-Park bis zur Zeche Zollverein. Denn Nachhaltigkeit ist weit mehr als grüne Parks und gepflanzte Bäume. Sie steckt auch in sozialen Begegnungsorten, in fairem Handel, in der Frage, wie eine Stadt mit Wasser, Hitze und Freiraum umgeht. Gesundheit, Bildung, Gemeinschaft, wirtschaftliches Miteinander – all das gehört dazu. Unterwegs steuere ich Orte an, die zum Innehalten, Staunen, Mitwirken und ja, manchmal auch zum Naschen, einladen.
Die Tourenkarten und GPS-Daten der Route sind kostenlos verfügbar. Ich habe die Daten heruntergeladen und rufe sie unterwegs auf einer Tracking-App ab. Die App dient mehr der Kontrolle als der Navigation: Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Meistens ja.
Noch bevor ich richtig in Fahrt komme, drehe ich eine unfreiwillige „Ehrenrunde” auf einem Kreisverkehr an der Hoffnungsstraße. Der Name ist Programm. Und wird mein inoffizielles Motto für den Tag. Denn Hoffnung brauche ich wirklich. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Ich bete, dass mein Fahrrad durchhält. Und mein Handy. Denn Tracking-Apps sind wahre Energiefresser. Deshalb habe ich mir vorsorglich eine Powerbank eingepackt. Blöderweise mit dem falschen Kabel.
Zu abgelenkt vom Stadtverkehr, übersehe ich glatt die erste Station: Dabei hätte der Eine-Welt-Laden in Altendorf Aufmerksamkeit verdient. Später, beim Blick auf die Tourenkarte, lese ich, dass der kleine Laden vollständig ehrenamtlich geführt wird. Alle Produkte stammen aus fairem Handel. Und den nimmt Essen wirklich ernst. Seit November 2013 trägt die Stadt den Titel Fairtrade-Town, der alle zwei Jahre neu vergeben wird, zuletzt 2025.
Gemeinsam mit Rücksicht – meistens
Inzwischen bin ich auf dem Radschnellweg Ruhr angekommen. Am Niederfeldsee lese ich auf dem Boden einen Hinweis, der alle anspricht, ob unterwegs mit Rad, Kinderwagen, Rollstuhl oder zu Fuß: „Gemeinsam mit Rücksicht." Die Wildgänse haben ihn offenbar noch nicht gelesen.
So watscheln etwa 20 von ihnen seelenruhig über den Weg, als gehörte er ihnen – was er in gewisser Weise ja auch tut. Eine Radfahrerin, die hinter mir auftaucht, sieht das etwas anders: „Ihr lauft hier aber ganz schön im Weg herum!" Die Wildgänse reagieren mit der Würde von Tieren, die sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen.
Ich lege eine erste Trinkpause ein und bedauere, dass Schwimmen im Niederfeldsee nicht erlaubt ist. Dabei hat das Gewässer durchaus etwas zu bieten: Es wurde auf dem Gelände einer ehemaligen Bahntrasse künstlich angelegt und leistet ganz nebenbei einen unsichtbaren Beitrag zur Nachhaltigkeit. Bei Starkregen entlastet der Niederfeldsee durch Regenwasserabkopplung die Kanalisation.Wem hier die Luft ausgeht, der kann sich mit Blick auf den kleinen, aber feinen See erholen. Geht den Fahrradreifen hingegen die Luft aus, bietet laut Tourenkarte die Repair-Station beim Lokal „Radmosphäre" Hilfe an. Ich brauche Letzteres zum Glück nicht – und radle weiter.
Krupp-Park – Grün auf Industriegeschichte
Wo einst die Hochöfen der Kruppschen Gussstahlfabrik rauchten, wächst heute so ziemlich alles, was grün ist. Bis zu 1,50 Meter Lehmboden mussten aufgetragen werden, um das ehemalige Industrieareal überhaupt in eine grüne Oase zu verwandeln. Heute lädt der Krupp-Park mit Sportanlagen und einem künstlich angelegten See zur Naherholung ein. Was mir sofort auffällt: Die Eichen hier sind noch jung. Kaum mehr als ein Stämmchen. Schatten spenden sie noch keinen. Aber die Bäume haben noch Zeit. Bis zu 800 Jahre lang. Irgendwann werden sie schon ein mächtiges Blätterdach bilden, unter dem Menschen sitzen werden, die weit nach uns kommen. Wer einen Baum pflanzt, denkt in Jahrhunderten. Wenn das keine Nachhaltigkeit ist, was dann?
Die vierte Station, das Westerdorf-Quartier, streife ich im Vorbeifahren. Aber lang genug, um die begrünten Hausfassaden zu sehen, die hier das Mikroklima verbessern und Stickoxide schlucken. Und lang genug, um Kaninchen beim Herumhüpfen zuzuschauen und fröhliche Kinderstimmen zu hören.
Auf dem Weg nach Katernberg – oder doch nicht?
Mittag, inzwischen sind es 30 Grad, ich bin schweißgebadet und meine Trinkflasche ist fast leer. Ich habe nur ein Ziel vor Augen: Katernberg. Dort soll ein öffentlicher Trinkwasserbrunnen auf mich warten. Auf dem Weg dorthin begegnen mir etliche Hinweisschilder, die Radfahrenden den Weg nach Katernberg zeigen. Die Nachhaltigkeitstour führt mich dabei mindestens dreimal konsequent in die entgegengesetzte Richtung. Zweifel treten auf. Dreht die App gerade durch? Oder mein inzwischen kochend heißes Handy? Immer wieder halte ich an, vergewissere mich, schaue auf die Karte – und wähle am Ende die Richtung, die mir kein Schild empfehlen würde.
Immerhin: Der Weg führt mich durch schattige, grüne Abschnitte, die in dieser Hitze wie kleine Oasen wirken. Ich sehe zwei Frauen, die fleißig Brombeeren am Wegesrand sammeln. Ich halte an und greife ebenfalls zu. Ein paar Vitamine können nicht schaden.
Und dann – endlich! Ein Radwegweiser, der mir verspricht: Noch zwei Kilometer bis Katernberg. Kurz darauf werfe ich einen flüchtigen Blick auf den Katernberger Bach. Er wurde vor fünf Jahren ökologisch aufgewertet und fließt nun wieder offen durch den Stadtteil. Am Katernberger Markt sehe ich endlich einen Brunnen. Von der Spitze blicken mich zwei Kater neugierig an. Endlich am Ziel, denke ich beim Anblick der Skulptur. Doch knapp daneben! Das eigentliche Ziel liegt zum Glück nur einen Katzensprung entfernt: der Trinkwasserbrunnen der Stadt Essen, der wie die anderen acht Brunnen in Essen auch durch die Stadtwerke Essen gewartet und betrieben wird. Dort fülle ich meine 0,8-Liter-Flasche auf und trinke sie im Nu leer. An diesem Hitzetag ist diese Station mit Abstand die willkommenste der gesamten Tour.
Direkt neben dem Brunnen: der Bürgertreff „Kon-Takt”. Der Ort macht seinem Namen alle Ehre. Er soll der einzige menschliche Kontakt auf dieser Tour bleiben. Noch bevor ich nach dem WC fragen kann, werde ich freundlich gefragt, ob man mir helfen kann. Beim Smalltalk bin ich mir sicher, dass ich hier auch einen Kaffee bekommen hätte. Und obwohl ich Kaffee über alles liebe, entscheide ich mich erneut für das Wasser vom Trinkbrunnen und schwinge mich wieder in den Sattel.
Dabei hätte der „Kon-Takt” einen längeren Besuch verdient: Jeden ersten Sonntag im Monat verwandelt er sich in ein Repaircafé, wo kaputte Alltagsgegenstände gemeinsam mit erfahrenen Helferinnen und Helfern repariert werden. Wegwerfen war gestern, hier wird geschraubt, gelernt und geredet. Für alle, die Ressourcen lieber schonen als verschwenden.
Die zweite Hälfte – Kopf unten, Ziel vor Augen
Noch 15 Kilometer und die Sonne ist weiterhin ein gnadenloser Begleiter auf der Tour. Sie brennt inzwischen so stark, dass ich kaum noch links und rechts schaue. Bis ein riesiger Förderturm vor mir auftaucht. Das UNESCO-Weltkulturerbe Zeche Zollverein lässt sich einfach nicht ignorieren. Der Blick auf die markanten Fördergerüste zieht einen unweigerlich in seinen Bann – ein stilles Staunen darüber, wie aus Ruß und Kohle ein Ort von Weltrang wurde. Die Zeche Zollverein ist heute Kulturort, Denkmal und Wahrzeichen zugleich.
Weiter geht’s. Zur prallen Sonne gesellen sich nun noch die Höhenmeter. Sie zwingen mich dazu, das Rad zweitweise lange Strecken zu schieben.
Ein Gedanke trägt mich über die letzten, mühsamen Kilometer der Tour bis zur Innenstadt. Der Gedanke, dass dort ein weiterer Trinkwasserbrunnen auf mich wartet.
Neun solcher kostenlosen öffentlichen Brunnen betreiben die Stadtwerke Essen im Auftrag der Stadt. Einen in jedem Stadtbezirk. An einem Tag wie diesem ist das kein nettes Extra, sondern pure Notwendigkeit. Dass die Brunnen gleichzeitig das Stadtbild aufwerten und einen konkreten Beitrag zum Hitzeschutz leisten, spüre ich am eigenen Körper. Mit dem Klimawandel werden Hitzetage häufiger und die Brunnen in Essen noch wichtiger.
Essen kann sich glücklich schätzen, so grün zu sein. Wenn der Asphalt buchstäblich flimmert, erscheint jeder Schatten als ein wahres Geschenk. Das ruft mir so richtig ins Bewusstsein, wie wichtig jeder einzelne Baum in der Stadt ist. Vor der Touristeninformation an der Kettwiger Straße wächst ein stattlicher Riese – sein Schatten ist an diesem Tag unbezahlbar. Ich stelle mein Rad unter den Baum und hole mir Tipps für weitere Unternehmungen in Essen. Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen, mithilfe der Fotostation digitale Grüße in die Welt zu schicken. Ein Foto mit der Zeche Zollverein im Hintergrund. Dazu der Kommentar: „Glück auf aus Essen."
Kurz vor dem Ziel passiert es. Hitzekollaps! Das Handy glüht, der Bildschirm ist schwarz. Die Botschaft ist unmissverständlich: Bitte warten, bis das Smartphone abgekühlt ist. Ich verfrachte es in den schattigen Rucksack und schiebe mein Rad durch die Innenstadt. Nur noch ein paar hundert Meter. Die Tour endet, wo sie für mich begonnen hat, im Gewusel des Hauptbahnhofs.
Ich habe gelernt: Nachhaltigkeit ist kein abstraktes Versprechen. Sie wächst, fließt, brutzelt Brombeeren in der Sonne – und wartet manchmal einfach als Trinkwasserbrunnen um die nächste Ecke.
Ich hatte anfangs noch versprochen zu erzählen, warum ich große Hoffnung in mein Rad setzen musste. Das war so: Mein eigentliches Rad begrüßte mich am Morgen der Tour mit einem platten Reifen. Danke für nichts! Plan B: ein Herrenrad aus dem Keller, verstaubt, leicht vergessen, aber funktionsfähig. Nachhaltig, wenn man so will. 31,25 Kilometer und 236 Höhenmeter später kann ich sagen: Das Rad hat's überlebt. Ich auch. Selbst mein Handy rappelte sich noch einmal auf – kurz, heldenhaft, mit 3 Prozent Akku.
Manchmal ist Zuversicht die nachhaltigste Ressource, die man hat.
Gut zu wissen:
- Tracking-Apps sind wahre Stromfresser – Powerbank einpacken. Und das richtige Kabel.
- Das NRW-Fahrrad-Tagesticket kostet 6,30 Euro.
- Fahrrad vorher auf Fahrtauglichkeit prüfen – Pannenschutzbeginnt schon zu Hause.
- Weitere Infos zu den Nachhaltigkeitsradtouren inkl. Karte und GPS-Daten gibt es hier.