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Robin von essendiese im Interview: “Es klingt sehr kitschig: Aber wir lieben diese Stadt”

Was 2019 mit humorvollen Internetbeiträgen über Essen begann, ist heute eine reichweitenstarke Stimme für ernstere Themen. Dem Instagram-Account essendiese folgen inzwischen 143.000 Menschen. Die Macher Robin und Leon gestalten ihre Stadt auch offline mit: Mit Projekt Rüttenscheid und Pottfest haben sie Begegnungsorte geschaffen, die in diesem Jahr beide von den Stadtwerke Essen unterstützt werden. Wir haben mit Robin gesprochen.

Ihr habt als Meme-Seite für Essener Witze und Klischees ange­fangen und seid heute ein echtes Sprachrohr für die Stadt. Wie fühlt sich diese Entwicklung an?

Das war ehrlich gesagt nie unser Plan (lacht). Wir haben losgelegt und gesagt: Wir posten witzige Sachen über Essen. Dann sind nach und nach immer mehr Leute dazugekommen. Irgendwann haben wir gemerkt, dass wir mit dieser Reichweite etwas in der Stadt bewegen können. Schließlich kam die Verantwortung hinzu, dass wir damit bewusst und vernünftig umgehen müssen. Inzwischen machen wir viele Projekte, die deutlich ernster sind. Dazu zählen Veranstaltungen, soziale Aktionen, aber auch politische Aktionen. Einfach, weil wir sehen, wie viele junge Menschen uns folgen und uns als Sprachrohr wahrnehmen. Wir versuchen deshalb, die Interessen dieser jungen Leute zu vertreten und unsere Stadt ein Stück weit mitzugestalten.

Viele junge, kreative Menschen zieht es weg aus Essen. Ihr bleibt. Was müsste sich ändern, damit noch mehr engagierte Menschen bleiben?

Wir brauchen auf jeden Fall mehr Kultur. Viele junge Menschen, die selbst etwas gestalten wollen, gehen nach Köln oder Berlin, weil es da einfach mehr Möglichkeiten gibt. Wir sind ganz klar der Meinung: Es muss viel mehr Jugendkultur geben – also kulturelle Angebote, bei denen junge Menschen sich wirklich ausleben und verwirklichen können. Wo du sagen kannst: Ich habe eine coole Idee für meine Stadt, und ich kann sie hier umsetzen. Es gibt Space – also Räume – dafür, es gibt Menschen, die einen unterstützen. Eine solche Infrastruktur muss viel stärker aufgebaut werden.

Euch geht es um mehr Miteinander statt Gegeneinander. Was heißt das für euch ganz konkret – und wie setzt ihr das im Alltag bei euren Formaten um?

Wir versuchen, einen Ort zu schaffen, der wirklich für alle da ist. Wir wollen so inklusiv sein, wie es nur geht – dass jede und jeder zu uns kommen kann und wir einen Ort der Begegnung hinbekommen. Dass auch Menschen aufeinandertreffen, die sich im normalen Alltag vielleicht nie begegnen würden. Uns ist wichtig, dass wir als Stadt wieder ein bisschen mehr zusammenrücken.

Ihr seid auf Instagram groß geworden – gestartet mit Humor, heute mit Haltung. Aber was kann Social Media nicht leisten? Was braucht es darüber hinaus, um wirklich etwas zu verändern?

Social Media ist ein guter Start, um auf seine Anliegen aufmerksam zu machen. Früher war es oft so: Wenn du eine Botschaft hattest, brauch­test du erst klassische Medien, die sagen: „Ich finde das gut, was ihr macht“ – und dann darüber berichten. Der Vorteil an Social Media ist, dass du selbst über deine Arbeit sprechen kannst und nicht darauf angewiesen bist, dass andere das für dich übernehmen. Aber irgendwann muss es auch ins echte Leben gehen. Das haben wir bei uns schnell gemerkt: Am Anfang waren wir nur online unterwegs – und irgendwann war klar, dass wir auch raus ins echte Leben wollen, um die Menschen offline zu erreichen. Deshalb glaube ich, dass es am besten nur als Mischung funktioniert.

In diesem Jahr unterstützen die Stadtwerke Essen gleich zwei eurer Veranstaltungen – das Projekt Rüttenscheid und das Pottfest. Was bedeutet diese Unterstützung für euch?

Ohne Sponsoren wären beide Veranstaltungen gar nicht möglich. Bei beiden zahlen die Besucherinnen und Besucher keinen Eintritt. Wir finanzieren uns zu 100 Prozent über Sponsorengelder. Umso glück­licher sind wir natürlich, wenn Unternehmen wie die Stadtwerke sagen: „Wir finden das cool, wir finden das wichtig!“ Gerade damit Menschen, die nicht mal eben 100 oder 200 Euro für ein Festivalticket ausgeben können, trotzdem zu solchen Veranstaltungen gehen können. Und wir gehen auch nur Kooperationen mit Unternehmen ein, bei denen das wirklich passt. Die Stadtwerke Essen zum Beispiel machen super viel in Essen, sie sind hier lokal stark verwurzelt – da können wir allen ehrlich und nachvollziehbar erzählen, warum wir mit den Stadtwerken zusammenarbeiten.

Das Projekt Rüttenscheid liegt schon hinter euch, das Pottfest steht noch bevor. Was ist euch nach dem diesjährigen Festival in Rüttenscheid besonders in Erinnerung geblieben?

Am meisten ist uns hängen geblieben, wie viele Menschen so ein Festival überhaupt möglich machen. Das sind ja nicht nur wir, sondern viele hunderte Leute im Hintergrund, die bis ans Limit gehen. Deshalb sind wir vor allem extrem dankbar – den Einsatzkräften, den Jungs und Mädels der Entsorgungsbetriebe Essen, den Stadtwerken und natürlich auch allen Gästen. Dass so viele Menschen rücksichtsvoll miteinander umgegangen sind, auf sich und ihre Mitmenschen geachtet haben, bedeutet uns total viel. Genau darum geht es uns ja bei solchen Veranstaltungen: Orte zu schaffen, an denen Menschen zusammenkommen und gemeinsam feiern können, respektvoll und offen. Dass das beim Projekt Rüttenscheid so gut funktioniert hat, hat uns sehr bestärkt. Diese Energie nehmen wir jetzt auf jeden Fall mit ins Pottfest, das Ende August stattfindet.

Was erwartet die Essenerinnen und Essener beim Pottfest?

Das Pottfest ist für uns einfach ein Traum. Es findet zum zweiten Mal in Essen-Altenessen statt, in dem Stadtteil, in dem wir beide auch aufgewachsen sind. Altenessen hat nicht das beste Image. Wir stellen dort ein kulturelles Programm auf die Beine, an einem richtig schönen Ort, nämlich an einer alten Zeche. Wir möchten, dass die Menschen vor Ort, die da aufgewachsen sind und dort leben, sehen: Hier passiert etwas und da sind Menschen, die sich Gedanken um den Stadtteil machen. Vielleicht kommen auch Leute von außerhalb und merken: Altenessen ist gar nicht so schlimm, wie es manchmal in den Medien dargestellt wird. Was die Besucherinnen und Besucher konkret erwartet: Es ist hauptsächlich ein Festival mit elektronischer Musik, bei dem viele verschiedene DJs aus Essen und dem Ruhrgebiet ganz unterschiedliche elektronische Richtungen spielen. Dazu gibt es viele Foodtrucks, soziale Aktionen, Workshops und Kunstausstellungen. Es ist eine Veranstaltung, bei der für alle irgendwas dabei ist. Der Fokus liegt klar auf Kultur aus Essen: Wir arbeiten vor allem mit Leuten zusammen, die aus Essen oder dem Ruhrgebiet kommen. Hier gibt es so viele talentierte Menschen – und wir wollen ihnen einfach eine Bühne geben.

Wenn ihr in fünf Jahren auf Essen schaut: Was soll sich verändert haben und welche Rolle wollt ihr dabei gespielt haben?

Ich hoffe, dass wir ein Vorbild sind für junge Menschen. Dass viele junge Leute merken: Wenn ich was bewegen möchte, wenn ich was verändern möchte, muss ich einfach machen. Ich hoffe, dass es in fünf Jahren viele weitere kulturschaffende Menschen in dieser Stadt gibt, die tolle Ideen haben und diese einfach umsetzen. Das ist eigentlich das Wichtigste für uns.

Wie jung seid ihr eigentlich selbst? 

Sagen wir mal so: Ende 20 (lacht). 

Was würdet ihr jungen Menschen in Essen sagen, die auch etwas bewegen wollen, aber nicht wissen, wie sie anfangen sollen?

Natürlich ist es viel Arbeit. Es ist nicht immer einfach, mit einem Vorhaben, einer Idee loszulegen. Aber wenn ihr einfach anfangt, vielleicht Fehler macht, aber aus euren Fehlern lernt, dann erst könnt ihr etwas Großes daraus machen. Denkt nicht zu viel nach! Fehler gehören dazu. Hauptsache, ihr macht einfach was.

Euer Engagement klingt nach viel Arbeit, was gibt euch tagtäglich Energie?

Definitiv unsere Community, unsere Followerinnen und Follower, die uns sehr regelmäßig schreiben und uns sehr schöne Nachrichten schicken. Sie schreiben, dass sie sich durch uns gesehen fühlen. Dass sie finden, dass Essen sich zum Positiven entwickelt hat. Das gibt uns Energie! Und dann gibt es noch etwas, das uns noch mehr antreibt: Wir haben über die Jahre immer wieder Spendenaktionen gemacht für soziale Einrichtungen in Essen. Zum Beispiel hat der Kinderschutz­bund ein neues Haus gebraucht, dafür haben wir Spenden gesammelt. Und wenn wir das jetzt ausrechnen: Über die letzten sieben Jahre, seit wir essendiese betreiben, sind 500.000 Euro zusammengekommen, die an soziale Einrichtungen in Essen gespendet worden sind. Das bedeutet uns richtig viel. Unser Antrieb ist, dass wir dieser Stadt, in der wir aufgewachsen sind, etwas zurückgeben können. Es klingt zwar sehr kitschig – aber die Leute in dieser Stadt bedeuten uns sehr viel. Wir lieben diese Stadt. Und wenn wir dazu beitragen können, dass sie vielleicht ein bisschen besser wird, dann ist das unsere größte Motivation.

Ihr zeigt euch in der Öffentlichkeit immer nur mit Masken. Warum eigentlich?

Wir haben damals einfach für uns entschieden: Wir wollen, dass unsere Arbeit im Vordergrund steht und nicht wir als Personen.

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