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Blick auf den Baldeneysee, auf dem viele kleine Segelschiffe zu sehen sind.
Zurück zu Zuhause

Selbstversuch BaldeneySteig: Wie viel Energie steckt in der Wanderung?

Beinahe eine Kollision mit einer aufgeschreckten Ente, Polizei hoch zu Ross im Gebüsch und dreimal derselbe Friedhof: Was unsere Autorin auf dem BaldeneySteig erlebt hat und wie viel Energie eine Wanderung um den Baldeneysee wirklich kostet.

Der Start – und direkt ein Fehler: Erster offizieller Frühlingstag, 20. März, 9 Uhr morgens. Angenehme zehn Grad, vorsichtig strahlende Sonne, kein Wind. Perfekte Bedingungen, um die Wanderschuhe zu schnüren. Der BaldeneySteig ruft! Knapp 26 Kilometer lang. 600 Höhenmeter Anstieg. 

Ich bin 44 Jahre alt, wandere gerne – aber sportlich regelmäßig aktiv? Eher nicht. Genau deshalb ist dieser Selbstversuch ehrlich gemeint: Wer den BaldeneySteig schafft, schafft ihn wirklich. Und wer ihn lieber in Etappen geht, macht das auch richtig. Mein Plan: Start am Stauwehr, Laufrichtung entgegen dem Uhrzeigersinn. Einen klassischen Start- und Endpunkt gibt es nicht – man kann überall starten. 

Was ich allerdings nicht eingeplant hatte: dass mir ausgerechnet an diesem Morgen ein berufliches Meeting dazwischenkommen würde. Und dazu, direkt am Anfang, eine Wegsperrung. Ich folge der Umleitung und versuche gleichzeitig, mich einzuwählen. Das Ergebnis: Nach einer halben Stunde stehe ich wieder am Stauwehr. Die Lektion Nummer eins: Wandern und Videokonferenz zeitgleich – offiziell gescheitert.

Redakteurin Inga Tawadrous macht ein Selfie von sich mit dem Baldeneysee im Hintergrund.

Das Stauwehr Werden – wo alles beginnt

Bevor ich den zweiten Anlauf starte, halte ich kurz inne. Das Stauwehr ist beeindruckend. Im Juli 1931 begannen hier die Bauarbeiten als eine groß angelegte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, erfahre ich auf der Infotafel am Stauwehr. Tausende arbeitslose Essener schufteten hier, teilweise mit primitivsten Werkzeugen – für 1 bis 1,80 Reichsmark am Tag. Was damals als „Reinhaltungsgewässer" begann, ist heute eines der beliebtesten Freizeit- und Sportgebiete der Region. Zwei Kaplan-Turbinen produzieren jährlich 26,7 Millionen Kilowattstunden – das größte Wasserkraftwerk an der Ruhr, klimaneutral, direkt vor unserer Haustür.

Dreimal derselbe Friedhof

Schon beim ersten Anlauf führt mich die ausgeschilderte Route über den Friedhof Essen-Werden. Ungewöhnlich, aber die Karte bestätigt: So ist es vorgesehen. Was ich da noch nicht ahne: Eine Frau mit Hund wird mir kurze Zeit später die Sperrung eines Fußweges verkünden. Ich muss erneut umkehren und lande tatsächlich ein drittes Mal auf dem Friedhof. Immerhin lebendig, aber die Friedhofspfleger grüßen mich wie alte Bekannte. Wenn das Universum mich dreimal zum Friedhof schickt, hat das wohl einen Sinn. Also nutze ich die Gelegenheit und die Friedhofstoilette. Und dann passiert es: Meine Trinkflasche fällt aus der Hand. Und zerbricht. Lektion Nummer zwei des noch jungen Tages: immer eine Reserveflasche einpacken. Ich habe eine. Weiter geht's.

Durch kleinere Wälder und an Feldern vorbei führt mich der Weg in Richtung Essen-Fischlaken. Immer wieder blitzt der Baldeneysee zwischen den Bäumen durch. In weiter Ferne erkenne ich die Villa Hügel am gegenüberliegenden Ufer. Der BaldeneySteig ist gut ausgeschildert – nur hin und wieder fehlt eine Wegmarkierung.

Dass die ehemalige Eisenbahnbrücke, die die Stadtteile Kupferdreh und Heisingen verbindet, gesperrt ist, wusste ich schon vor der Wanderung. Dass ich keine Lust auf den Umweg habe, merke ich erst jetzt. Ich lege eine erste Pause ein. Und genau in diesem Moment treffe ich eine andere Wanderin, die ins Schwärmen gerät: Passend zum Frühlingsanfang beginne für sie die „glückliche Saison des Jahres" – ihre Wandersaison. Diese Begeisterung, diese Leichtigkeit beflügelt mich. Manchmal braucht es einen Umweg, um die schönsten Begegnungen zu erleben.

Beinahe-Kollision mit einer Ente

Schritt für Schritt lasse ich das Chaos des Neustarts hinter mir. Die Wegemarkierung führt, die Gegend erledigt den Rest. Inzwischen bin ich auf der anderen Seite des Baldeneysees. Bei Kilometer 17 dann ein kritischer Moment: Eine Ente kreuzt meinen Weg. Ich muss ausweichen, gerate ins Wanken, kann den Zusammenstoß gerade noch vermeiden. Kein Wunder – ich befinde mich im Heisinger Bogen, einem Vogelschutzgebiet. Hier sitzen ungewöhnlich große Vögel in ihren Nestern: Kormorane sollen es sein. Ein sehr reges Treiben. Und dazu ein ziemlich lautes. 

Bei Kilometer 19 zeigt mein Tracker rund 1.000 verbrannte Kilokalorien – ich könnte jetzt ohne schlechtes Gewissen fast zwei Tafeln Schokolade verschlingen. Aber mir ist mehr nach Kaffee. Den finde ich in einem Café direkt am Wasser, dessen Terrasse in der Mittagssonne voll besetzt ist. Verlockend. Ich bestelle meinen Kaffee zum Mitnehmen und ziehe weiter.

Blick von oben auf den Baldeneysee.

Bin ich noch im Ruhrgebiet?

Bis hierhin ist es eine ziemlich flache Tour. Das ändert sich kurz hinter dem Förderturm der ehemaligen Zeche Carl Funke. Ein Selfie und weiter geht’s schnaufend hinauf auf die Ruhrhöhen. Der absolute Höhepunkt der Tour ist ein Aussichtspunkt hoch über dem Nordufer des Baldeneysees. Für einen Moment glaube ich, nicht im Ruhrgebiet zu sein, sondern am Rheinsteig. Weite, Felsen, toller Ausblick über den glitzernden See. Ein einziges Boot segelt auf dem Wasser. Im Sommer wimmelt es hier bestimmt von Seglern.

Beim Blick auf den See denke ich kurz an Wasserkraftwerke. Hier oben bin ich selbst ein kleines Kraftwerk – Höhenmeter sind meine gespeicherte Energie, die Beine der Generator. Bei Kilometer 22 biegen auf dem BaldeneySteig plötzlich Pferde um die Ecke. Es ist die Polizei höchstpersönlich – hoch zu Ross, mitten auf dem Wanderweg. Ein Bild, das man so schnell nicht vergisst.

Schon wieder verlaufen – und dennoch angekommen

Ich habe es schon wieder gemacht! Verlaufen! Als mir auffällt, dass ich die Wegmarkierung schon eine Weile nicht mehr gesehen habe, ist es zu spät – oder besser gesagt: Ich bin zu müde, um umzukehren und die Markierungen zu suchen. Auf der Karte sehe ich, dass ich durch den Krupp-Wald hätte laufen sollen – nun sehe ich ihn also nur aus der Ferne. Die Villa Hügel habe ich immerhin vorhin vom anderen Ufer bewundert.

Groß ärgern? Tue ich mich nicht. Der BaldeneySteig hat einen zweiten Besuch verdient – das steht jetzt fest. Denn eines ist sicher: Schön ist er.

So langsam spüre ich meine Beine, habe Durst und einen knurrenden Magen. Die Versuchung ist groß: Der Bahnhof Essen-Hügel liegt verlockend nah. Aber nein – ich halte durch und laufe weiter zum Startpunkt am Stauwehr.

Geschafft! Meine Smartwatch am durchgeschwitzten Handgelenk zeigt 27 Kilometer an. Dass ein Abschnitt fehlte und andere dafür ungefragt dazukamen – geschenkt. Die Höhenmeter können sich sehen lassen: 578 Meter Anstieg. Reine Gehzeit: sechseinhalb Stunden. Und dann diese Zahl: 2.031 verbrannte Kilokalorien – das entspricht rund 2,4 Kilowattstunden. Damit könnte man 144-mal ein Smartphone aufladen, 230 Kilometer mit dem E-Bike fahren oder 15 Kilometer mit dem E-Auto zurücklegen. Der menschliche Körper ist ein bemerkenswert effizienter Motor. Und der BaldeneySteig ist sein perfekter Prüfstand.

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Selbsttest BaldeneySteig

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