Wie wird aus Zahlen und sich ständig ändernden Gesetzen die Energieversorgung von morgen? Nadine Litzkow, Leiterin des Stabsbereichs „Regulierung und kaufmännische Netzsteuerung“, bewegt sich dabei im Spannungsfeld zwischen jahrzehntelang gewachsener Verlässlichkeit und dem neuen Bedarf an Tempo, Flexibilität und mutigen Entscheidungen. Seit über 20 Jahren gestaltet sie diesen Wandel bei den Stadtwerken Essen mit.
Frau Litzkow, wie erklären Sie Freunden, was Sie bei den Stadtwerken machen, sodass sie es auch wirklich verstehen?
Wer zum ersten Mal von meiner Arbeit hört, reagiert oft mit einem freundlichen „Aha" und einem leicht ungläubigen Blick. Ich höre auch oft: „Oh Gott, dass wäre nichts für mich!" Das kenne ich schon. Dabei liebe ich meinen Job sehr! Das, was ich mache, lässt sich im Grunde einfach beschreiben: Wir sind die Kaufleute in der Technik. Überall dort, wo neben der Technologie und Innovationen auch Zahlen, Daten und Finanzen eine Rolle spielen, ist unser Stabsbereich in irgendeiner Form mit dabei.
Mögen Sie das bitte konkreter erläutern, ich verspreche Ihnen, nicht „Oh Gott, das wäre nichts für mich" zu rufen …
Wir bewirtschaften eine Vielzahl von kaufmännischen Themen im technischen Geschäftsbereich: Wirtschaftsplanung, Budgets, Jahresabschluss, Business Cases, Wirtschaftlichkeitsberechnungen, Netzentgelte und Gasnetzregulierung. Wir prüfen also, was technische Vorhaben kosten, wie sie finanziert werden können und ob sie langfristig wirtschaftlich tragfähig sind. Außerdem begleiten wir Zukunftsthemen wie die Anpassung bestehender Gasnetze an die Energiewende oder den Ausbau der StadtWärme – immer mit Blick auf die wirtschaftliche Machbarkeit.
Das klingt nach einem sehr weiten Feld …
Intern scherzen manche, wir seien die zentrale Zahlen- und Datendrehscheibe der Technik und das passt eigentlich ganz gut (lacht). Wir sammeln Zahlen und Daten, hinterfragen Entwicklungen, schaffen Transparenz. Und wir versuchen, aus all dem ein Gesamtbild zu machen, das auch für Menschen verständlich ist, die nicht täglich mit diesen Zahlen arbeiten. Unser Ziel ist letztlich, Zusammenhänge sichtbar zu machen, damit die Stadtwerke heute die richtigen Entscheidungen für morgen treffen können.
Was ist aktuell Ihre größte Herausforderung in Ihrer Position?
Ganz klar: die Geschwindigkeit des Wandels. Für unsere Netze brauchen wir eigentlich langfristige Planung. Wir leben in einer Zeit, in der sich politische und gesetzliche Rahmenbedingungen sehr schnell ändern. Themen, die früher vielleicht fünf Jahre Bestand hatten, sind in der heutigen Zeit nach wenigen Monaten überholt. Wir müssen Entwicklungen ständig beobachten, neu bewerten und unsere Planung anpassen. Gleichzeitig befinden wir uns als Stadtwerke selbst mitten in einem großen Wandel. Unsere Strukturen sind über Jahrzehnte auf Verlässlichkeit und Sicherheit ausgerichtet und das ist in der Technik aus gutem Grund sehr wichtig. Das Umfeld verlangt heute aber zusätzlich Geschwindigkeit, Flexibilität und manchmal auch den Mut, Entscheidungen zu treffen, obwohl noch nicht alle Fragen abschließend beantwortet sind. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen wir uns: langfristige Infrastrukturentscheidungen treffen, die Energiewende mitgestalten und dabei wirtschaftlich sinnvoll handeln.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Einen typischen Arbeitsalltag gibt es bei uns eigentlich nicht. Meine Lieblingsfrage in Vorstellungsgesprächen ist folgende: „Sie haben ein leeres Blatt Papier vor sich und jemand möchte etwas von Ihnen, das es so noch nicht gibt – wie gehen Sie vor?" Genau das beschreibt unseren Arbeitsalltag ziemlich gut. Wir haben vergleichsweise wenig klassisches Tagesgeschäft und arbeiten viel an strategischen Fragestellungen und Projekten. Neue gesetzliche Rahmenbedingungen oder Veränderungen in der Regulierung können sehr schnell neue Fragen aufwerfen. Dann geht es darum, die richtigen Daten zusammenzubringen, Zusammenhänge zu verstehen und Themen so aufzubereiten, dass daraus eine gute Entscheidungsgrundlage entsteht. Genau diese Vielseitigkeit mag ich an meinem Job.
Was sagen Ihre Kolleginnen und Kollegen immer über Sie?
Vermutlich, dass ich viel und vor allem schnell rede. Meine charmante Antwort darauf lautet: Ich denke schnell, rede schnell und bin generell eher mit einem hohen Grundtempo unterwegs (lacht). Außerdem bin ich ein sehr positiver Mensch, mein Glas ist meistens halb voll und auch in stressigen Situationen darf der Humor nicht fehlen. Ich glaube, wer mit mir zusammenarbeitet, weiß ziemlich schnell, woran er bei mir ist.
Nutzen Sie Wissen aus Ihrem Beruf auch privat?
Absolut! Meine Vorliebe für Struktur, Zahlen und gute Vorbereitung endet definitiv nicht an der Bürotür. In meinem privaten Umfeld bin ich durchaus dafür bekannt, für nahezu jedes Thema eine Excel-Tabelle anzulegen oder auch mal eine PowerPoint-Präsentation vorzubereiten. Ob Urlaubsplanung oder Partyvorbereitung – dem Zufall wird bei mir eher wenig überlassen. Beruflich und privat bin ich da ziemlich ähnlich.
Was bedeutet es Ihnen persönlich, für die Stadtwerke Essen zu arbeiten?
Die Stadtwerke sind für mich mehr als ein Arbeitgeber. Ich bin inzwischen seit über 20 Jahren hier und habe in dieser Zeit viele Veränderungen miterlebt und begleitet, von internen Umstrukturierungen über die Liberalisierung des Gasmarktes bis hin zum grundlegenden Wandel der Energiewirtschaft. Außerdem bin ich die fünfte Generation meiner Familie, die bei den Stadtwerken beziehungsweise beim Vorläufer, dem Städtischen Gas- und Wasserwerk, gearbeitet hat. Schon mein Vater, mein Opa, mein Uropa und mein Ur-Uropa waren hier beschäftigt. Einer aus meiner Familie war sogar noch mit dem Handkarren unterwegs und hat Gaslaternen an- und ausgeschaltet. Heute beschäftige ich mich unter anderem mit den Herausforderungen der Energiewende und der Zukunft unserer Gasnetze. Wenn ich mir vor Augen führe, wie stark sich die Arbeitswelt, die Technik und die Energieversorgung über diese Generationen verändert haben, finde ich das sehr beeindruckend.
Was ist das Beste an Ihrem Job?
Dass er so viel mehr ist, als man auf den ersten Blick vermutet. Wer „Regulierung und kaufmännische Netzsteuerung" hört, denkt vermutlich an Paragraphen und Tabellen. Und ja, Zahlen liebe ich wirklich. Aber was mich täglich antreibt, ist etwas anderes: Kreativität. Viele Antworten auf die Fragen der Energiewende existieren noch gar nicht. Es gibt kein Handbuch, das erklärt, wie man ein Stadtwärmenetz wirtschaftlich sinnvoll aufbaut. Das muss man selbst entwickeln – aus einem leeren Blatt Papier eine fundierte Analyse oder belastbare Entscheidungsgrundlage machen. Genau das begeistert mich. Hinzu kommt die Vielfalt der Menschen, mit denen ich arbeite. Mein Job hat Schnittstellen in nahezu alle Bereiche des Unternehmens: vom Monteur auf der Straße bis zum Vorstand. Mal arbeiten wir gemeinsam an einem Konzept, mal bringt jeder seinen Teil mit und wir fügen am Ende alles zusammen. Diese besondere Mischung macht meinen Job so spannend und abwechslungsreich.
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