Jobgeflüster: Tief unter Essen schlummert eine Welt
Bis zu 40 Meter unter Essens Straßen liegt eine Welt, die kaum jemand kennt – Claudia Köster schon. Was ihr Team beim Bau von Abwasserleitungen schon alles gefunden hat, würde so manchen sprachlos machen.
„Vor der Schippe ist es dunkel", sagt Claudia Köster und meint das absolut ernst. Seit 27 Jahren arbeitet die 55-Jährige bei den Stadtwerken Essen und leitet seit fast fünf Jahren die Abteilung „Planung und Bau Entwässerung“. Wer denkt, er kennt Essen, der kennt nur die Hälfte. Denn unter unserer Stadt verläuft ein 1.657 km langes und weit verzweigtes Kanalnetz, das kontinuierlich kontrolliert, instandgehalten, optimiert und erweitert werden muss.
Wie erklären Sie Freunden, was Sie bei den Stadtwerken Essen machen?
Fast alle Baustellen am Essener Kanalnetz gehen über meinen Schreibtisch. Wir planen und bauen hochkomplexe Anlagen, um die Abwasserentsorgung unserer Stadt sicherzustellen. Und weil die Frage immer kommt: Ja, der Stau und die Einschränkungen sind unumgänglich. Nur so können wir die notwendigen Arbeiten am Kanalnetz ausführen.
Und was machen Sie bei den Stadtwerken Essen genau?
Ich leite die Abteilung „Planung und Bau Entwässerung“ mit einem Team aus über 100 Kolleginnen und Kollegen.
Was ist für Sie die größte Herausforderung?
Die Organisation dieses tollen Teams. Denn eine klar strukturierte Teamorganisation ist notwendig, damit alle Mitarbeitenden die Herausforderungen bei der Planung und Umsetzung von Kanalbaumaßnahmen sowie bei der anschließenden Dokumentation der Netze erfolgreich bewältigen können. Wenn Abläufe nicht reibungslos funktionieren, beeinträchtigt das die Kreativität, Produktivität und Effektivität erheblich.
Was war Ihr spannendster Tag bei den Stadtwerken?
Im Untergrund von Essen ist es immer spannend. Wir bauen in Tiefen von drei bis hin zu 40 Metern mit höchst anspruchsvoller Technik und das in einer Region, die von sehr unterschiedlichen Böden und Grundwasserständen, Bergbau, Kriegshinterlassenschaften und intensiver Infrastruktur geprägt ist. Wir haben dabei schon ziemlich alles gefunden: unerwartete Hohlräume, Bunker, Blindgänger, menschliche Knochen, aber auch geschützte Tierarten, jahrhundertealte Bäume, historisches Kopfsteinpflaster und immer wieder interessante Geschichten.
Welches Projekt hat Sie in letzter Zeit besonders stolz gemacht?
Die Planung und bauliche Umsetzung unserer „Großmaßnahmen“ wie der Abwassersammler im Annental, der komplexe Düker Überruhr, das Mammutprojekt Wolfsbachtal, aber auch die vielen Maßnahmen im Zuge des Emscherumbaus beeindrucken mich besonders.
Was überrascht die meisten Menschen, wenn Sie von Ihrem Beruf erzählen?
Es ist die Komplexität, die gut versteckt im Untergrund von Essen liegt. Die vielen kleinen und großen Ereignisse, die so passieren, wenn man das baut, von dem man hinterher nur noch kleine Schachtdeckel an der Oberfläche sieht.
Vor Urlauben google ich, wie dort die Abwasserentsorgung funktioniert. Das ist meine Berufskrankheit.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Man sollte meinen, nach so vielen Jahren wird der Alltag zur Routine, aber die gibt es bei uns nicht. „Vor der Schippe ist es dunkel" sagen wir nicht umsonst. Fast jeder Tag hält mindestens eine Überraschung bereit.
Welche Fähigkeit aus Ihrem Beruf nutzen Sie auch privat?
Ich kann gut organisieren und auch langfristige Themen klären. Das war vielleicht kein klassischer Aha-Moment, aber eine doch sehr verräterische Erkenntnis: Bevor wir in einem Sommerurlaub Venedig besucht haben, habe ich gegoogelt, wie dort die Abwasserentsorgung funktioniert. Irgendwie „scannt“ man die Deckel auf der Straße immer. Das ist meine Berufskrankheit.
Welchen Beitrag leistet Ihr Beruf zur Nachhaltigkeit in Essen?
Abwasser- und Regenwassermanagement sind per se Themen, die sich um Nachhaltigkeit drehen. Ich denke, hier wird es noch viele weitere Entwicklungen geben. Gerade in den Großstädten sind die Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft.
Was würden Sie jemandem sagen, der überlegt, in Ihrem Bereich bei den Stadtwerken zu arbeiten?
Komm zu uns! Mitbringen sollte man Begeisterungsfähigkeit, Organisationsgeschick, Lust auf Neues, Durchhaltevermögen und natürlich technische Ambitionen.
Warum haben Sie sich damals für diesen Beruf entschieden?
Es sollte etwas mit Technik und in Essen sein. Außerdem sollte es etwas Nachhaltiges, etwas, was uns gut tut, sein.
Was glauben die meisten Menschen über Ihren Beruf, das nicht stimmt?
Dass es immer stinkt. Das tut es nicht!
Beenden Sie bitte diesen Satz: “Ich bin unverwechselbar, weil …”
… ich meine Freizeit gerne mit unserem Pferd verbringe. Frei nach dem Motto: Wenn Du gestresst bist, kaufe ein Pferd – das hilft nicht, aber dich stresst dann etwas anderes.