Von der Köttelbecke zum Naturidyll: Wie die Lahnbecke wieder erwacht
Die Lahnbecke war früher das, was man im Ruhrgebiet eine Köttelbecke nannte: ein begradigter, betongefasster Graben, durch den ungeklärtes Fäkalien- und Industrieabwasser floss. Die Stadtwerke Essen haben mitgeholfen, den kleinen Bach im System der Emscher ökologisch aufzuwerten.
Das trostlose Bild – und damit auch der strenge Geruch – gehört der Vergangenheit an. Längst trifft man an der Lahnbecke auf Natur. Schwarzerle und Traubenkirsche wurden am Ufer gepflanzt, auf den angrenzenden Flächen entstanden Strauchgruppen mit heimischen Gehölzen wie Weiden, Hartriegel und Pfaffenhütchen. Die Natur holt sich den Bach nach und nach zurück: Frösche, Libellen und Vögel haben die Lahnbecke längst als ihr neues Zuhause entdeckt. Totholz am Gewässergrund bietet Kleintieren wie Würmern und Insektenlarven einen Platz zum Ansiedeln. Eine vollständige Renaturierung ist dieser naturnahe Ausbau nicht – aber er leistet einen spürbaren Beitrag zum Klimaschutz.
Zustand vor der Industrialisierung lässt sich nicht wiederherstellen
Planer Oliver Schönberger von den Stadtwerken Essen spricht bewusst von einer „ökologischen Verbesserung" – nicht von Renaturierung. Denn die hätte bedeutet, die Umgebung in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Dass das illusorisch ist, war von Anfang an klar. „Ein Zustand wie vor 100 Jahren wäre heute so gar nicht mehr möglich", erklärt Bauleiterin Melanie Schütte, die das Projekt gemeinsam mit Oliver Schönberger umgesetzt hat. „Wir haben dort inzwischen Wohngebiete und landwirtschaftliche Flächen." Boden, Siedlungsstruktur und Wasserhaushalt haben sich dauerhaft verändert – ein Zustand wie vor der Industrialisierung lässt sich nicht wiederherstellen. Das erklärte Ziel lautet daher, den Bach von seinem Beton-Korsett zu befreien und eine deutliche ökologische Verbesserung herbeizuführen.
Einst oberirdischer Abwasserkanal
Um die ökologische Verbesserung der Lahnbecke einordnen zu können, lohnt ein Blick zurück. Der kleine Zulauf des Leither Bachs im Essener Osten wurde im Zuge der Industrialisierung des Ruhrgebiets in ein technisches Korsett gezwungen. Der Bergbau ließ den Boden absinken – mit gravierenden Folgen: Unterirdische Rohrsysteme wurden durch die Bodenbewegungen regelmäßig beschädigt. Die Lösung war pragmatisch, aber ökologisch fatal. Die Bäche wurden kurzerhand als oberirdische Abwassergerinne genutzt – schmale, trapezförmige Betonbetten, sogenannte Sohlschalen, mit steilen Uferböschungen ersetzten das ursprüngliche Flussbett. Was blieb, war ein starrer Bachlauf ohne Leben: kaum Pflanzen am Ufer, keine flachen Stellen im Wasser, kein Totholz – und damit kaum Lebensraum für Tiere und Natur.
Sauberes Wasser als Voraussetzung
Bevor der Bach ökologisch verbessert werden konnte, musste eine grundlegende Frage gelöst werden: Wie lässt sich sicherstellen, dass kein Abwasser mehr in das Gewässer fließt? Die Antwort liegt im Untergrund. „Das Abwasser fließt nicht mehr offen durch die Natur. Die Abwasseranlagen waren eingezäunt. Die bisherige Einleitung von Schmutz- und Regenwasser wurde an neue Kanäle angeschlossen", erklärt Melanie Schütte. Konkret bedeutet das: Mischwasserkanäle übernehmen künftig diese Aufgabe. Die Stadtwerke Essen haben diesen für die Lahnbecke gebaut, die Emschergenossenschaft für den Leither Bach. Erst mit dieser Infrastruktur im Rücken konnte die eigentliche Maßnahme beginnen. „Wir haben bei dem Projekt in zwei Bauabschnitten gearbeitet: Der erste, nördlich der Autobahn A40 gelegen, umfasste rund 340 Meter; der zweite Abschnitt südlich der A40 rund 240 Meter. Letzterer wurde Mitte 2024 erfolgreich abgeschlossen", erklärt Oliver Schönberger.
Was sich verändert hat – vom Betongraben zum naturnahen Gewässer
Das Bachbett wurde aufgeweitet, die Betonbefestigung entfernt. Der Bach darf sich nun – zumindest im Rahmen seiner Möglichkeiten – freier entwickeln. „Das Gewässer wird sich weiter naturnah entwickeln. Allerdings besteht keine große Gewässerdynamik – dazu ist die Abflussmenge zu gering. Der Wasserhaushalt hängt sehr stark von Niederschlägen ab", erklärt Oliver Schönberger. Dennoch tut sich etwas: Der Bach sucht sich seinen eigenen Weg, schiebt Sand und Kies hin und her und schafft dabei kleine Kiesbänke. An heißen Sommertagen kann die Lahnbecke sogar ganz trockenfallen – ein natürliches Phänomen. Um Rückzugsorte für Wasserlebewesen zu schaffen, wurden gezielt Vertiefungen und Mulden im Bachbett angelegt, in denen sich Wasserflächen auch bei Trockenheit länger halten. „Der Lauf wurde nur geringfügig verändert. Die geringe Wassermenge und die relativ schmale Breite der Sohle macht ein Schlängeln, wie man es von anderen Fließgewässern kennt, nicht möglich“, sagt Melanie Schütte.
Ein Ökosystem findet seinen Weg zurück, wenn man ihm den Raum lässt.
Pflanzen, die dazugehören – die neuen Ufer der Lahnbecke
Am Ufer der Lahnbecke wächst heute, was dort hingehört. Neben den gezielt gepflanzten Ufergehölzen hat die Natur längst selbst die Initiative ergriffen: Pionierarten wie Röhrichtpflanzen und verschiedene Weidenarten haben sich durch natürlichen Samenanflug angesiedelt – ein stilles Zeichen dafür, wie schnell ein Ökosystem zurückfindet, wenn man ihm den Raum lässt.
Nachdem in den Jahren 2020 sowie 2023/24 ein neues unterirdisches Kanalsystem parallel zur Lahnbecke auf einer Länge von rund 635 Metern errichtet worden war, konnte der Bach naturnah umgestaltet werden. Die Arbeiten erstreckten sich über rund 580 Meter – vom Leither Bach bis zum Wohngebiet „Am Lehmberg".
Während die reine Bauzeit der Mischwasserkanäle sich auf ca. zwei Jahre belief, kennt die ökologische Verbesserung der Lahnbecke kein festes Enddatum. Sie ist ein Prozess und der ist in vollem Gang. Seit die naturnahen Strukturen geschaffen wurden, hat sich das Ökosystem spürbar verändert. Im und am Wasser siedeln sich Tiere an, die auf intakte Gewässer angewiesen sind: Libellen, Amphibien, Frösche oder Wasservögel. Für Fische hingegen ist der Wasserstand schlicht zu niedrig. Im Bachbett selbst dürften sich inzwischen auch Makrozoobenthos-Arten eingenistet haben – also wirbellose Kleintiere wie Insektenlarven, Schnecken und Würmer, die als verlässliche Indikatoren für gesunde Gewässer gelten. Gezielt eingebaute Totholzstämme bieten ihnen dabei Verstecke und Lebensräume.
Klein, aber vernetzt
Mit rund 580 Metern Länge ist die Lahnbecke nur ein kleiner Bach. Dennoch ist ihre ökologische Verbesserung mehr als ein lokales Umweltprojekt. Als Zufluss zum Leither Bach ist sie Teil eines größeren Geflechts und genau das macht sie wertvoll. Wanderfische brauchen durchgängige Gewässersysteme, Insekten nutzen Bäche als Ausbreitungskorridore, Vögel finden entlang der Uferstreifen Nahrung und Brutplätze. Jeder ökologisch verbesserte Abschnitt stärkt das gesamte Ökosystem. Der kleine unscheinbare Bach bildet somit ein wichtiges Glied in einer Kette, die die gesamte Emscher-Region ökologisch aufwertet.
Ökologische Verbesserung der Lahnbecke