Fabian Schrumpf im Gespräch: Essen ist keine Raumstation, aber die Logik ist dieselbe.
Luft, Wasser, Energie – in einer Raumstation ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Frage von Lebenserhaltungssystemen. Als Kind wollte Fabian Schrumpf ins All. Jetzt ist er als neuer Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke Essen genau mit einem solchen System betraut. Aber hier auf der Erde, in Essen.
Herr Schrumpf, Sie sind seit Anfang dieses Jahres Aufsichtsratsvorsitzender bei den Stadtwerken. Was sind die wichtigsten Themen, auf die Sie sich in Ihrer neuen Rolle freuen?
Die Stadtwerke Essen sind ein zentraler Bestandteil der kommunalen Infrastruktur – sie sorgen jeden Tag dafür, dass Wasser fließt, Energie verfügbar ist und unsere Stadt funktioniert. In meiner neuen Rolle freue ich mich besonders darauf, diesen wichtigen Bereich strategisch mitzugestalten.
Ein großes Thema wird dabei die Energie- und Wärmewende in Essen sein. Wir stehen vor der Aufgabe, unsere Energieversorgung klimafreundlicher zu machen und gleichzeitig Versorgungssicherheit sowie bezahlbare Preise zu gewährleisten. Genau hier spielen kommunale Stadtwerke eine Schlüsselrolle. Mir ist wichtig, dass wir diesen Weg pragmatisch und verlässlich gehen – mit technologischer Offenheit, mit Augenmaß und immer mit Blick auf die Menschen in unserer Stadt.
Sie sind im vergangenen Jahr erstmals einen Marathon um den Baldeneysee gelaufen. Das setzt viel Vorbereitung und Durchhaltevermögen voraus. Was haben Sie dabei über sich gelernt?
Ein Marathon ist vor allem eine Frage von Ausdauer und Vorbereitung. Man lernt sehr schnell, dass man sich seine Kräfte einteilen muss – und dass über den Erfolg nicht in den ersten Kilometern entschieden wird, sondern am Ende. Diese Haltung lässt sich übrigens auch auf viele politische oder gesellschaftliche Herausforderungen übertragen: Große Veränderungen brauchen Zeit, Planung und Durchhaltevermögen.
Die Energie- und Wärmewende gleicht eher einem Marathon als einem Sprint. Wo sehen Sie die größte Chance für Essen? Und wie können die Stadtwerke dabei helfen?
Die größte Chance liegt darin, dass wir als Stadt frühzeitig eine nachhaltige und zukunftsfähige Energieversorgung aufbauen können. Essen hat eine starke industrielle Tradition, aber auch viel Kompetenz in Energiefragen – darauf setzen wir. Die Stadtwerke können dabei eine zentrale Rolle spielen: beim Ausbau erneuerbarer Energien, beim Aufbau moderner Wärmenetze und bei innovativen Lösungen für Quartiere und Unternehmen. Wichtig ist, dass wir die Veränderungen so gestalten, dass sie wirtschaftlich tragfähig bleiben und die Menschen mitnehmen. Das gelingt nur, wenn es auch im Alltag funktioniert.
Die Stadtwerke Essen sind für einen wichtigen Bereich der „kommunalen Daseinsvorsorge“ zuständig. Das heißt, sie sorgen dafür, dass in Essen das Wasser fließt, die Heizung warm wird und das Abwasser entsorgt wird. Das klingt selbstverständlich. Warum ist es das nicht?
Im Alltag nehmen wir vieles als selbstverständlich wahr – bis es einmal nicht mehr funktioniert. Hinter einer sicheren Wasser- und Energieversorgung steckt jedoch eine enorme technische und organisatorische Leistung. Die Stadtwerke betreiben komplexe Netze, Anlagen und Infrastrukturen, die rund um die Uhr zuverlässig funktionieren müssen. Gleichzeitig verändern sich die Anforderungen ständig, etwa durch Klimaschutz, Digitalisierung oder steigende Energiebedarfe. Gerade deshalb ist eine starke kommunale Infrastruktur so wichtig. Sie sorgt dafür, dass grundlegende Leistungen der Daseinsvorsorge zuverlässig, sicher und für alle Bürgerinnen und Bürger verfügbar bleiben.
Sie wollten als Kind ins All – dorthin, wo Lebenserhaltungssysteme alles sind: Luft, Wasser, Energie. Sie sind als Aufsichtsratsvorsitzender jetzt mit genau einem solchen System betraut. Nur dass es nicht in einer Raumstation schwebt, sondern Essen heißt. Was bedeutet Ihre Rolle konkret?
Der Vergleich gefällt mir tatsächlich ganz gut. In einer Raumstation merkt man sofort, wie existenziell Dinge wie Luft, Wasser und Energie sind; ohne funktionierende Systeme geht dort gar nichts. Natürlich ist Essen keine Raumstation. Aber im Kern gilt auch für eine Stadt: Sie funktioniert nur, wenn die grundlegende Infrastruktur zuverlässig läuft. Genau dafür stehen die Stadtwerke. Sie sorgen dafür, dass Energie, Wasser und Entsorgung jeden Tag sicher funktionieren.
Meine Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender ist es, gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Aufsichtsrats die strategische Entwicklung zu begleiten und darauf zu achten, dass das Unternehmen wirtschaftlich solide, technologisch zukunftsfähig und nah an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger arbeitet. Oder anders gesagt: Die Stadtwerke halten die Systeme unserer Stadt am Laufen – heute und in einer Zeit, in der sich Energieversorgung und Infrastruktur stark verändern.
Kehren wir zurück auf die Erde. Sie sind in Essen-Kettwig aufgewachsen, leben in Heisingen. Beides sind Stadtteile mit viel Eigenheim-Charakter. Viele Ihrer Nachbarn denken gerade über Wärmepumpen, Niedertemperaturwärme oder PV-Anlagen nach. Spüren Sie das im Alltag und beeinflusst das Ihre Perspektive auf die Energiewende?
Ja, absolut. In meinem Umfeld sprechen viele Menschen darüber, wie sie ihr Haus künftig beheizen oder wie sie Energie sparen oder selbst erzeugen können. Themen wie Wärmepumpe, Photovoltaik oder energetische Sanierung sind inzwischen ganz konkrete Fragen im Alltag vieler Familien. Diese Gespräche zeigen mir, wie wichtig verlässliche Informationen und praktikable Lösungen sind. Die Menschen wollen ihren Beitrag leisten, aber sie brauchen Planungssicherheit und realistische Rahmenbedingungen. Genau hier können kommunale Stadtwerke unterstützen – etwa durch Beratung, durch Infrastruktur oder durch neue Angebote im Bereich Wärme und Energie.
Manche Politiker machen Karriere und ziehen weiter. Sie sind in Essen geblieben. Das heißt: Was Sie heute für die Stadtwerke beschließen, erleben Sie morgen selbst. Ist das Motivation oder auch Druck?
Ich sehe das vor allem als Motivation. Wer vor Ort lebt, bekommt sehr direkt mit, wie sich politische Entscheidungen im Alltag auswirken. Das schafft Verantwortung, aber auch einen klaren Kompass: Entscheidungen müssen praxistauglich sein und für die Menschen funktionieren. Für mich ist das ein wichtiger Teil kommunaler Politik – man gestaltet nicht abstrakt, sondern für die eigene Stadt und die eigene Nachbarschaft.
Schauen wir zum Schluss in die Zukunft. Wenn Sie in zehn Jahren auf Ihre Zeit als Aufsichtsratsvorsitzender zurückblicken und einem Essener Bürger in drei Sätzen erklären müssten, warum die Stadtwerke wichtig sind – was würden Sie sagen?
Die Stadtwerke sorgen dafür, dass unsere Stadt funktioniert – jeden Tag. Sie garantieren eine sichere Versorgung mit Wasser, Energie und moderner Infrastruktur. Gleichzeitig sind sie ein zentraler Motor für die Energie- und Wärmewende vor Ort. Und sie zeigen, dass kommunale Unternehmen wirtschaftlich erfolgreich sein können und dabei immer das Wohl der Stadt im Blick behalten.