Zähler ablesen mit dem Klemmbrett, Heizkosten auf Papierformularen, Immobilienverwaltung per Excel – in Zeiten der Digitalisierung klingt das nach gestern. Mit KUBIKS wollen die Stadtwerke Essen das ändern: Die digitale Plattform für Eigentümer und Hausverwaltungen vernetzt Gebäude, sammelt Energiedaten und gibt darüber hinaus den Verwaltern die Möglichkeit, ihre täglichen Arbeitsabläufe innerhalb der Verwaltungstätigkeit zu optimieren.
Als Energieunternehmen gehen die Stadtwerke Essen neue Wege – gemeinsam mit der Wohnungswirtschaft. Die Projektleiter Bastian Keldenich und Marcel Marquardt erklären, was die Plattform kann und warum die Energiewende auch eine Datenfrage ist.
Sie leiten gemeinsam das Projekt KUBIKS. Was ist Ihre jeweilige Rolle bei dem Projekt?
Marcel Marquardt (links im Bild): Nach rund 20 Jahren in der Heiz- und Betriebskostenabrechnung bei den Stadtwerken Essen, bin ich seit gut dreieinhalb Jahren im Produktmanagement tätig. KUBIKS ist eine gemeinsame Idee und ein gemeinsames Projekt, das mein Kollege Bastian Keldenich und ich zusammen aufgesetzt haben.
Bastian Keldenich: Ich bin der Vertriebler von KUBIKS. Ursprünglich komme ich hier bei den Stadtwerken aus dem Commodity-Geschäft, also dem Vertrieb von Strom und Gas an Groß- und Industriekunden.
Mit KUBIKS lassen sich Immobilien verwalten und Gebäude digitalisieren, visualisieren und abrechnen. Wie genau entstand diese Idee?
Marquardt: Im Bereich der Heizkostenabrechnung haben wir nach einer Softwarelösung für die unterjährige Verbrauchsinformation von Mietern gesucht – also die Darstellung von Werten –, deren Bereitstellung gesetzlich vorgeschrieben wurde. Dabei sind wir auf eine Anwendung gestoßen, die aus unserer Sicht über großes Potenzial verfügte. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Software jedoch noch in einem frühen Entwicklungsstadium. In den vergangenen sechs Jahren haben wir sie gemeinsam mit Akteuren der Essener Wohnungswirtschaft kontinuierlich weiterentwickelt, funktional ausgebaut und schließlich zu einer marktfähigen Lösung gemacht.
Keldenich: Nachdem wir die Software gesehen haben, haben wir uns gefragt: Was könnte sie vielleicht noch? Daraufhin sind sehr viele neue Funktionen entstanden.
Wie muss man sich diese Weiterentwicklung vorstellen?
Keldenich: Unser Ziel war es, die Software konsequent an den Anforderungen der Praxis auszurichten. Dafür haben wir eng mit der Wohnungswirtschaft zusammengearbeitet und zunächst ermittelt, welche Funktionen und Prozesse im Arbeitsalltag tatsächlich benötigt werden. Diese fachlichen Anforderungen haben die Programmierer dann mit ihrer technischen Expertise in die Software übersetzt. So entstand am Ende eine Lösung, die sowohl technisch ausgereift als auch optimal auf die Bedürfnisse der Wohnungswirtschaft zugeschnitten ist.
Haben Sie das Potenzial sofort gesehen?
Keldenich: Ehrlich gesagt: Ja! Bei uns kommen 85 % der Großkunden aus dem Wohunungswirtschaftsbereich. Dies beinhaltet die Kommune, die Wohnungsbaugesellschaften und auch die Verwalter von Wohnungseigentümergemeinschaften (WEG), die Bündelverträge für ihre verwalteten Objekte anfragen. Somit spielt schon heute die Wohnungswirtschaft eine zentrale Rolle in unserem Hause. Durch KUBIKS bekommen wir die Möglichkeit, unseren Kunden eine deutlich größere Produktpalette anzubieten.
Mit KUBIKS haben Sie ein digitales Lösungsangebot für die Wohnungswirtschaft entwickelt. Welchen Herausforderungen steht die Branche gegenüber?
Keldenich: In Gesprächen mit Akteuren innerhalb der Branche haben wir gelernt, dass die Wohnungswirtschaft auf der Suche nach Geschwindigkeit und Übersichtlichkeit im Immobilienmanagement ist. Viele Gebäude sind nicht digital vernetzt und können nicht zentral auf einer Plattform visualisiert werden. Es mangelt auch an Systemen, die auf die speziellen Bedürfnisse von WEG-Verwaltern abgestimmt sind. Den Zahn der Zeit haben wir, Gott sei Dank, erkannt: Stadtwerke und Wohnungsverwaltungen suchen gleichermaßen nach schnellen, alternativen Lösungen zu bestehenden Angeboten.
Wo können die Stadtwerke mit der digitalen Plattform Lösungsansätze bieten?
Marquardt: Unser Ziel ist es, die bereits vorhandenen Kapazitäten in Gebäuden effizienter zu nutzen, indem wir alle relevanten Daten auf einer zentralen Plattform zusammenführen. Auf dieser Grundlage lassen sich Prozesse effizienter gestalten und wertvolle Erkenntnisse für den Betrieb und die Verwaltung gewinnen. KUBIKS bildet ein Gebäude digital ab und schafft damit die Basis für zahlreiche Anwendungen – bis hin zur Erstellung der Jahresnebenkostenabrechnung durch die Hausverwaltung.
Die Wohnungswirtschaftsplattform ermöglicht unter Anderem auch die Fernauslesung und Visualisierung von Verbrauchsdaten, welche zum Beispiel im Rahmen einer Heiz- und Betriebskostenabrechnung benötigt werden. Muss für den Zugriff in Gebäuden oder Wohnungen eine technische Infrastruktur installiert werden?
Marquardt: Ja, die technische Infrastruktur wird vor Ort installiert. Die Stadtwerke Essen betreiben ein eigenes LoRaWAN (Long Range Wide Area Network), also ein Netz zur Digitalisierung kommunaler Infrastrukturen. Darüber können wir Wasser-, Gas- und Wärmezähler aus der Ferne auslesen. Je nach Anwendungsfall kann alternativ auch ein Gateway als Schnittstelle für den sicheren Datenaustausch direkt im Gebäude installiert werden.
Wie kann man sich ein solches Gateway vorstellen?
Marquardt: Äußerlich ist das Gateway eine kompakte wasserdichte Kunststoffbox mit Antenne, die im Keller oder in Fensternähe platziert wird. Es sammelt die Daten verschiedener technischer Anlagen im Gebäude, wie beispielsweise von der Heizung über die Photovoltaikanlage bis hin zur Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge. In Mehrparteienhäusern ermöglicht es zudem das sogenannte Submetering, also die separate Erfassung und Abrechnung von Energie- und Wasserverbräuchen einzelner Nutzungseinheiten. Die erfassten Daten werden anschließend an KUBIKS als zentrale Plattform übertragen, dort verarbeitet und übersichtlich visualisiert.
Wie läuft das Projekt bisher an?
Keldenich: Sehr gut! Inzwischen sind für sämtliche Funktionen von KUBIKS praxisnahe Anwendungsfälle bei Endkunden umgesetzt worden. Darüber hinaus stößt die Plattform auch bei anderen Stadtwerken auf großes Interesse. Hier stehen wir bereits im direkten Austausch und haben erste Vereinbarungen über Testnutzungen geschlossen.
Marquardt: Obwohl KUBIKS inzwischen marktreif ist, entwickeln wir die Plattform kontinuierlich weiter. Gemeinsam mit Hausverwaltungen, Stadtwerken und weiteren Partnern identifizieren wir fortlaufend neue Anwendungsfelder sowie Potenziale für zusätzliche Funktionen und Optimierungen. Dieser Austausch trägt dazu bei, KUBIKS stetig an die Anforderungen des Marktes anzupassen.
Die Plattform hat beim Stadtwerke Award 2025 den zweiten Platz geholt – eine Auszeichnung des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) für herausragende Innovationen in der kommunalen Versorgung. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie persönlich?
Marquardt: Aus einer Idee, die zunächst in einem kleinen Team der Stadtwerke Essen entstanden ist, hat sich eine Lösung entwickelt, die auch über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus Anerkennung findet. Dass KUBIKS beim Stadtwerke Award ausgezeichnet wurde, ist für uns eine Bestätigung für die Idee, die Möglichkeit der Umsetzung sowie die Akzeptanz in anderen Häusern.
Keldenich: Nach sechs Jahren etwas zu Ende gebracht zu haben, dass in der Branche auf echtes Interesse stößt, ist eine tolle Bestätigung! Gleichzeitig verstehen wir uns in gewisser Weise noch immer als Start-up. Denn als Stadtwerke haben wir etwas völlig anderes gewagt: Wir sind nun auch Anbieter einer Softwarelösung für Stadtwerke, Kommunen, Immobilienverwalter, Techniker und Wohnungsbaugesellschaften. Diese neue Rolle ist für uns nach wie vor etwas Besonderes und zugleich ein spannender Schritt in die Zukunft.
Sie haben es eben angesprochen: Sie bieten KUBIKS auch als Dienstleistungslösung für andere Energieversorger an, die es unter eigenem Namen und Logo einsetzen können. Lässt sich die Plattform einfach so übertragen?
Keldenich: Ja, denn wir haben das Rad nicht neu erfunden. KUBIKS bietet die Chance, vorhandene Systemlandschaften zu verbinden und die Zahlen, Daten und Fakten zentral auf einer Plattform zu visualisieren.
Marquardt: Somit können Stadtwerke in ihrer eigenen Infrastruktur bleiben und auf Wunsch weitere Produkte in Ihre Angebotspalette mit aufnehmen. Dadurch ist die Eintrittshürde deutlich geringer und die Akzeptanz bei den Kollegen größer.
Wo sehen Sie hier das größte Potenzial?
Marquardt: Das größte Potenzial liegt in der Zusammenarbeit: Wir glauben, dass es sinnvoller ist, andere Stadtwerke mit KUBIKS auszustatten, als dort selber tätig zu werden. Stadtwerke vor Ort kennen die Wohnungswirtschaft ihrer Städte sehr genau, genießen hohes Vertrauen und sind bereits heute meist partnerschaftlich verbandelt. Aufgrund des Miteinanders haben wir die Möglichkeit, sehr zeitnah die Wünsche der Wohnungswirtschaft mitzubekommen und KUBIKS entsprechend zu erweitern.
In die Zukunft geschaut: Was ist der Schlüssel, damit aus dem Start-up mit sehr viel Potenzial ein echtes Erfolgsmodell für die ganze Branche werden kann?
Keldenich: Schlicht und einfach Mut. Viele Stadtwerke sind gerade auf der Suche nach neuen Ideen und neuen Geschäftsfeldern. Es geht um die Frage: Was kann ich an Mehrwerten bieten, um meine Kunden an mich zu binden? Mit unserer Software bieten wir genau diese Chance.
Marquardt: Am Ball bleiben! Wir hatten ehrlicherweise einen tollen Support im eigenen Haus und einen Leiter, der uns permanent unterstützt hat. Man hat uns einfach loslaufen lassen. Dafür haben wir die Zeit und die finanziellen Mittel erhalten.
Keldenich: Zusammengefasst: Einfach mal machen! Auch auf die Gefahr hin, dass mal etwas nicht zum Erfolg führt.
Zum Schluss: Wie würden Sie KUBIKS in drei Worten beschreiben?
Keldenich: Innovativ, allumfassend, übersichtlich.
Marquardt: Das trifft es ziemlich genau!
INFOBOX: Warum KUBIKS?
Der Name erinnert nicht zufällig an Rubik's Zauberwürfel: KUBIKS verbindet Kubus und Rubik's. Wie der berühmte Würfel ist die Plattform modular. Man startet mit einem Baustein und ergänzt anschließend nach Bedarf.